Dienstag, 4. Oktober 2016

Moony | Befreiungsschlag und Orientierung



Wir müssen mal miteinander reden. Also, ich mit euch - und ihr danach vielleicht auch mit mir.

Es war in den letzten Wochen wieder sehr still hier - es sind ein paar Dinge passiert, die bei mir einiges verändert haben. (Oh Gott, das klingt so dramatisch und depressiv, aber das ist es nicht.) Ich möchte vorweg sagen, dass das hier sehr persönlich wird, ich einiges von mir preisgeben werde und vor allem über sehr intime Dinge schreiben werde - wer das also nicht lesen oder von der Bloggerin hinter Vollmondschatten nicht wissen möchte, der muss das hier nicht lesen. 

Nehmt euch bitte einen Moment, darüber nachzudenken, ob ihr den folgenden Artikel wirklich lesen wollt - ich bin euch nicht böse, überhaupt nicht, das ist vollkommen in Ordnung, wenn ihr viel Persönliches und viel Hintergründiges nicht wissen möchtet. Aber seid ehrlich zu euch und zu mir. Denn auf spätere Kommentare á la "Sowas wollte ich von dir gar nicht wissen." möchte ich dann nicht lesen.




Für die, die noch hier sind: Hi! Schnappt euch einen Kaffee oder Tee und hört mir gerne zu.
Noch eine Sache vorweg: nein, das wird kein Outcoming-Post, weil das nicht meine Intention ist. Ich möchte a) einfach etwas loswerden und b) vielleicht ein wenig darauf aufmerksam machen, dass es viel mehr gibt, als man sich vorstellen kann und man sich deswegen nicht schlecht fühlen muss.
Ich habe vermutlich gerade den ganzen Rest von euch vergrault, aber das ist mir egal. Ich kann meinen schon immer sehr persönlich gewesenen Blog nicht so lapidar weiterführen, wenn mir dieser Blogpost die ganze Zeit im Hirn herumschwirrt. Also dann, here we go!






In den letzten Monaten habe ich unglaublich viel Zeit auf tumblr verbracht und bin dabei auf etwas gestoßen, was einen Aha-Moment und ein inneres Klicken ausgelöst hat.
Die Rede ist von autochorissexuality - ziemlich klobiges Wort, oder?

Zunächst scrollte ich weiter, doch Dank einer inneren Eingebung scrollte ich wieder hoch und klickte den Beitrag an.
Es handelt sich um eine Unterart von Asexualität und definiert sich wie folgt:


A disconnection between oneself and the object of arousal; may involve sexual fantasies or arousal in response to erotica or pornography, but lacking any desire to be a participant in the activities therein.


Ich las diese Zeilen und es war für mich ein kleiner Befreiungsschlag - einer, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn fühlen würde. Das gibt es? Es gibt tatsächlich für das, was ich empfinde ein Wort? Ich bin nicht gestört?

Denn genau das ist es nicht, eine Störung. Autochoris- oder Aegosexuality ist keine Philie, keine Störung, nicht nur die bloße Neigung oder der Fetisch zu etwas. Es ist eine Sexualität, die kaum einer kennt, die aber einige betrifft - wie ich dank tumblr herausgefunden habe.

Aegosexuality (englische Aussprache: ay-go-sexuality;) ist die etwas leichtere Begrifflichkeit; allerdings bedeuten autochoris und aego das Gleiche ("losgelöst vom Selbst", wenn ich das mal frei übersetzen darf), nur haben sie unterschiedliche sprachliche Wurzeln. Autochoris kommt aus dem Griechischen und aego aus dem Lateinischen.


Ich kann mir die Fragezeichen in euren Gesichtern vorstellen und erkläre noch ein wenig dazu. Autochorissexualität bedeutet wie oben gesagt, dass man sich selbst und das Objekt der Erregung (klingt scheiße auf deutsch, aber ich versuche, es nicht allzu englisch zu halten) voneinander trennt. Man ist also durchaus durch sexuellen Kontent erregbar, bspw. durch erotische Szenen oder expliziter Pornografie, hat aber keinerlei Lust, selbst Sex zu haben. Genau das, was es so schwierig macht zu erklären ist genau das, weswegen viele, die dieser Sexualität angehören im Zwiespalt sind. Auf der einen Seite fühlt man sich asexuell, weil man vor dem Gedanken an Sex zurückweicht sobald es einen selbst betrifft, man gleichzeitig aber sexuell erregbar ist, sich selbst befriedigt und / oder über Sex fantasiert. (Bei Letzterem "sieht" man entweder nicht sich selbst und oder erlebt die Fantasie nicht durch die eigenen Augen, sondern quasi aus einer third-person Perspektive.)
Man kann sich also nicht vollkommen mit anderen Asexuellen vergleichen, die jeglicher Art und Weise und Form von Sex zurückweichend gegenüber stehen. Gleichzeitig kann man sich aber auch nicht den Sexuellen zuordnen, weil man selbst einfach verdammt nochmal keinen Sex haben will.






Bei mir ist es so, dass ich das für mich noch nicht so lange, so klar festgestellt habe. Ich hatte bisher zwei Beziehungen und in beiden auch schon Sex. Allerdings hatte ich immer latent im Hintergrund das Gefühl, dass irgendwas mit mir nicht stimmt oder ich etwas nicht richtig mache, weil ich einfach nicht verstehen konnte, wieso das von allen anderen immer als so etwas Tolles empfunden wurde. Weil... ich fand es langweilig. :D Ernsthaft, ich dachte mir zwischendurch einfach immer wieder, was daran jetzt bitte so toll sein soll.
Versteht mich richtig: das Küssen und Schmusen vorher: bombe! Das hinterher-nackt-kuscheln-und-nachts-im-dunkeln-leise-quatschen-über-Gott-und-die-Welt: bombe! Der Akt an sich: hmmm... okay, und jetzt?


Für viele ist das vielleicht schwer nachzuvollziehen und ich ahne, wie sich bei dem ein oder anderen der Gedanke formt, "dass man einfach noch nicht den richtigen gefunden hat".
Nein, nein, nein! Bitte, löscht diesen Gedanken wieder. Denn es hat damit überhaupt nichts zu tun! (Klar, nach zwei Beziehungen weiß das gute Kind das ja auch so genau!)
Ich kann es mir mit niemandem vorstellen! Wenn ich mir mein perfektes Leben ausmale und mir vorstelle, wie das wäre, fallen mir zehntausend trilliarden Dinge ein, die toll sind, bei denen ich ins Schwärmen gerate und sobald ich daran denke, mit meinem Partner in die Kiste zu steigen, zerplatzt das alles wie ein Luftballon, der gerade Bekanntschaft mit einer Nadel gemacht hat!

Ich möchte einfach nicht auf diese Art und Weise angesehen oder angefasst werden. Und das ist in Ordnung so. Ich kann jemanden attraktiv und "heiß" finden (vorzugsweise fiktionale Charaktere oder Schauspieler), muss das aber nicht in meiner Beziehung haben. Einfach weil... na ja, ich muss meinen Partner nicht sexuell anziehend finden, weil es eh nicht zu Körperlichkeiten kommen wird. Und das ist ungemein befreiend! Ich konnte das vor einer Weile nicht nachvollziehen, wenn jemand aus der LGBTQ-Community (und diversen anderen Buchstaben, die ihr gerne je nach Präferenz anhängen dürft) gesagt hat, wie befreiend es war, ein Wort zu haben, um sich selbst zu beschreiben.

Aber auch das ist okay. Ich bin okay und wir alle sind es.
Und wenn sich das irgendwann mal bei mir ändern sollte (was ich nicht glaube, aber wenn doch), dann ist das auch okay. Momentan fühlt es sich einfach richtig an und ich fühle mich und etwas in mir angesprochen, wenn ich etwas dazu auf tumblr lese.
Und. Das. Ist. In. Ordnung. So.





Ganz schöner Tobak, was? :D
Wenn ihr dazu etwas loswerden möchtet: gerne. Schreibt mir einen Kommentar oder eine Mail oder was auch immer.

Wenn ihr Hate loswerden und mich beleidigen wollt: ciao!



P.S.: Ich werde vermutlich irgendwann mal wieder etwas in dieser Richtung posten, entweder zu unbekannteren Sexualitäten oder zu meinem Empfinden dazu oder wenn ich etwas neues in dem Bereich über mich selbst herausfinde - irgendetwas in die Richtung also. Ich werde das dann allerdings sowohl im Posttitel als auch in den ersten Zeilen erwähnen, damit ihr Bescheid wisst. :)






Kommentare:

  1. Gut, dass du auf das Thema aufmerksam machst. Ich wusste bis jetzt nicht, dass es so eine Art von Sexualität gibt! Es freut mich wirklich sehr, dass du dadurch nun ein Stück weiter zu dir gefunden hast. Ich hatte letztens auch einen ähnlichen Aha-Moment und zwar hab ich eine richtig merkwürdige Phobie (das will ich hier nicht erläutern, verstehen auch die Meisten auch nicht, wenn ich es erkläre) - und dann hab ich ein 0815 Youtube-Beauty Video gesehen und aus dem Zusammenhang gerissen wurde darin die Phobie erwähnt! Das war das erste Mal seit 10 Jahren, wo ich erfahren habe, dass es sowas wirklich gibt, wovor ich Angst hab! Und in dem Moment hab ich mich irgendwie... ein Stück normaler gefühlt. Das war für mich sehr einleuchtend und seltsam zugleich. ;)

    Liebe Grüße,
    Aly

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    1. Liebe Aly,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar! :)
      Ja, ich kann es dir wirklich nachempfinden. Es ist für viele (und war für mich vor einiger Zeit) nicht leicht nachzuvollziehen, wenn man das Gefühl hat, mit einem selbst stimmt etwas nicht oder wie gut es tun kann, ein Wort zu haben, um sich selbst besser ausdrücken zu können. :)

      Es freut mich sehr, dass du diesen Moment hattest und es dir geholfen hat! :)

      Liebe Grüße
      Moony

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